Amoklauf OEZ München: Hass auf jugendliche Migranten nach Mobbing in Schule war Auslöser

Das Landeskriminalamt Bayern (LKA) hat am 17. März 2017 den Abschlussbericht der Ermittlungen zum Amoklauf des 18-jährigen David S. am 22. Juli 2016 im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München vorgelegt. Darin wird als wahrscheinlichstes Motiv angegeben, dass er nach dem Mobbing und Misshandlungen von Mitschülern einen starken Hass gegen andere Jugendliche mit südosteuropäischen Migrationshintergrund aufgebaut hatte. 

Tatwaffe Amoklauf OEZ München David S. Quelle Foto LKA Bayern
Tatwaffe Amoklauf OEZ München David S.
Quelle Foto LKA Bayern

Am 22. Juli 2016 hat der 18-jährige David S. in und vor dem Mc Donalds in der Hanauerstraße und im Olympia-Einkaufszentrum in München-Moosach neun Menschen erschossen, fügte weiteren fünf Menschen Schussverletzungen zu und erschoss sich anschließend selbst. Die Staatsanwaltschaft München I und das Bayerische Landeskriminalamt übernahmen daraufhin die Ermittlungen, um die Tat aufzuklären, mögliche Mitwisser oder Mittäter zu identifizieren, die Herkunft der Waffe zu ermitteln und das Motiv für diesen Amoklauf festzustellen.

Der zwischenzeitlich durch die eigens eingerichtete Sonderkommission erarbeitete Abschlussbericht umfasst mehr als 170 Seiten, sein Inhalt wurde den Angehörigen der Todesopfer bereits vorgestellt. Die Feststellungen beruhen unter anderem auf der Auswertung von mehr als 1000 Videodateien und mehr als 2000 Vernehmungen und Befragungen von Zeugen. Von zentraler Bedeutung für die Ermittlungen waren die Motivation des Täters sowie die Frage, ob andere Personen an der Tat oder deren Vorbereitung beteiligt waren.

Es bestehen gewichtige Anhaltspunkte dafür, dass folgende Umstände als Auslöser für die Tat von maßgeblicher Bedeutung waren: David S. war unter Gleichaltrigen weitgehend isoliert. Hierzu haben vermutlich psychische Auffälligkeiten beigetragen, aufgrund derer es ihm schwer fiel, sich zu integrieren. Über Jahre hinweg wurde er von Mitschülern gemobbt, dabei kam es auch zu körperlichen Misshandlungen. David S. entwickelte ersichtlich einen Hass auf Personen, die hinsichtlich Alter, Aussehen, Herkunft und Lebensstil den ihn mobbenden Jugendlichen ähnlich waren; dies waren vor allem Angehörige südosteuropäischer Bevölkerungsgruppen. Diese machte er für seinen von ihm empfundenen schulischen Misserfolg und das Mobbing verantwortlich.

David S. schuf sich ein irrationales Weltbild. Darin befasste er sich beispielsweise mit der Vorstellung, dass die von ihm gehassten Personen mit einem Virus infiziert und deshalb gegebenenfalls zu vernichten seien. Aufgrund psychischer Störungen befand er sich wiederholt in psychiatrischer Behandlung.

In seiner Freizeit spielte David S. exzessiv am Computer, insbesondere sogenannte Ego-Shooter Spiele. Er entwickelte Rachephantasien und beschäftigte sich intensiv mit dem Thema Amok. Insbesondere war er fasziniert von den Anschlägen, die Anders Breivik 2011 in Norwegen verübt hatte. Über einen längeren Zeitraum hinweg plante er dann den von ihm selbst verübten Amoklauf.

Es liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass er bei dem Amoklauf die einzelnen Opfer gezielt ausgewählt hat. Im Abschlussbericht wird auch nicht davon ausgegangen,  dass die Tat politisch motiviert war. David S. hat die Tat allein geplant und allein durchgeführt. Die sehr eingehenden Ermittlungen haben keine Erkenntnisse ergeben, dass Dritte in die Tatpläne eingeweiht oder gar an der Tatausführung beteiligt gewesen wären. Auch im Ermittlungsverfahren gegen einen 16-jährigen Bekannten des Täters, Samer R., mit dem sich David S. am Tattag gegen 16 Uhr im Bereich des Tatorts getroffen hat, haben sich keine Belege dafür ergeben, dass dieser über die anstehende Tat informiert war.

Es liegen ferner keine Anhaltspunkte dafür vor, dass Familienmitglieder, behandelnde Ärzte, Lehrer oder sonstige Personen aus dem Umfeld von David S. die Tat vorhersehen konnten.

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft München I ist jedoch der Waffenhändler, der David S. die Tatwaffe und Munition verkaufte, für den Tod der Menschen strafrechtlich mitverantwortlich. Daher wurde Mitte Februar 2017 gegen ihn Anklage zum Landgericht München I erhoben. Neben Verstößen gegen das Waffenrecht wird dem Angeschuldigten die fahrlässige Tötung von neun Menschen zur Last gelegt. Ihm droht im Falle einer Verurteilung eine mehrjährige Freiheitsstrafe.

Zum Tatablauf:

Die Ermittlungen der Sonderkommission ergaben, dass David S. am 21. und 22. Juli 2016 über einen von ihm extra eingerichteten Facebook-Account mit einem Mädchennamen insgesamt vier Einladungen postete, am Tattag um 16 Uhr zu dem Schnellrestaurant in die Hanauer Straße zu kommen. Diesen Aufforderungen kam jedoch offenbar keiner der Angeschriebenen nach.

David S. selbst verließ am 22. Juli kurz vor 16 Uhr die elterliche Wohnung und fuhr mit seinem Fahrrad zu diesem Schnellrestaurant. Dort traf er seinen 16-jährigen Freund Samer R., mit dem er sich zuvor dort verabredet hatte. Die beiden trennten sich kurz nach 17 Uhr wieder am dortigen U-Bahnabgang.

Ab 17.08 Uhr hielt sich David S. im Schnellrestaurant auf. Er verließ es bis zur Tatausführung lediglich einmal kurz für fünf Minuten. Um 17.50 Uhr ging er in die Toilette im 1. Obergeschoß, wo er aus seinem Rucksack die Tatwaffe holte.

Um 17.51 Uhr verließ er die Toilette und ging direkt zu einer Sitznische, in der eine Gruppe Jugendlicher saß. Hier schoss er unvermittelt direkt auf sechs Jugendliche und tötete zwei 15-Jährige, einen 14-Jährigen sowie zwei 14-Jährige Mädchen. Ein 13-jähriges Kind erlitt während des Angriffs mehrere Schussverletzungen, konnte aber, nachdem der Täter den Tatort unmittelbar zuvor verlassen hatte, über eine Nottreppe fliehen und überlebte mit lebensgefährlichen Verletzungen. Insgesamt wurden in diesem Bereich 18 Patronenhülsen sichergestellt, die aus der Tatwaffe stammten.

Nur eine Minute danach verließ David S. das Schnellrestaurant wieder über den Haupteingang. Er drehte sich nach rechts und begann in Richtung des dortigen Elektromarktes zu schießen. Mehrere Menschen flüchteten panikartig vor diesen Schüssen. Der 18-Jährige schoss daraufhin gezielt in Richtung dieser Fliehenden und auf zwei Fahrzeuge, die im Einfahrtsbereich standen. Unmittelbar vor der Einfahrt zur dortigen Tiefgarage traf ein Schuss einen 17-Jährigen tödlich und ein weiterer Schuss einen 27-Jährigen, der dabei schwer verletzt wurde.

Wenige Meter entfernt wurde eine 45-Jährige tödlich getroffen und ein 60-Jähriger durch einen Beinschuss schwer verletzt. Eine 44-Jährige, die mit ihren drei Kindern unterwegs war, erlitt Schussverletzungen an beiden Unterschenkeln, konnte aber mit den unverletzten Kindern in den Elektromarkt fliehen. In der Nähe des U-Bahnabgangs wurde ein 19-Jähriger tödlich getroffen.

Insgesamt konnte die Spurensicherung in dem Bereich zwischen den Schnellrestaurant und dem Elektromarkt 16 Patronenhülsen sichern.

David S. überquerte nun die Hanauer Straße und ging langsam über den Haupteingang in das Einkaufszentrum. Dort erschoss er nahe der Rolltreppen einen 20-Jährigen.

Nach den rechtsmedizinischen Feststellungen sind die Opfer sofort verstorben beziehungsweise haben unmittelbar das Bewusstsein verloren. Alle Todesopfer hatten aufgrund ihrer massiven Verletzungen keine Überlebenschance.

Daraufhin benutzte er einen Durchgang und verließ das Einkaufszentrum über eine überdachte Brücke ins angrenzende Parkhaus. Auf dieser Brücke gab er Schüsse in Richtung des Parkdecks und einer Passantin ab, verletzte dabei aber niemanden. Dann durchquerte er die Parkebene, gab 13 Schüsse auf zwei geparkte unbesetzte Fahrzeuge ab und ging um 17.59 Uhr über die Auffahrtsrampe auf das oberste Parkdeck. Dort führte er ein Streitgespräch mit einem Anwohner, der sich auf seinem Balkon eines Hochhauses in der Riesstraße aufhielt. Während dieses Gesprächs gab David S. zwei Schüsse in dessen Richtung ab. Dabei wurde ein anderer 47-jähriger Anwohner, der sich ebenfalls auf seinem Balkon befand, durch Teile eines abprallenden Geschosses am Rücken verletzt.

Anschließend schoss David S. noch dreimal in Richtung des Einkaufszentrums und eines Mitarbeiters, ohne dabei Menschen zu verletzen.

Um 18.04 Uhr erkannten Polizeibeamte von einem Außenbalkon des Einkaufszentrums aus den Amokläufer und ein Beamter schoss einmal aus einer Maschinenpistole auf David S., verfehlte ihn jedoch. Dieser flüchtete nun über eine Nottreppe vom Parkdeck und verlor dabei seine beiden mitgeführten Mobiltelefone.

Der 18-jährige lief über die Riesstraße und versteckte sich vermutlich in einem Gebüsch bei der dortigen Grünanlage. Kurz darauf verließ er wohl sein Versteck, um zu dem Hintereingang eines Hauses in der Henckystraße zu laufen. Da dieser aber offenbar verschlossen war, lief David S. um das Haus herum, um es über den Vordereingang zu betreten. Der Amokläufer hielt sich nun über längere Zeit in dem Treppenhaus auf, wo er auch Kontakt zu Bewohnern hatte. Vermutlich über die Tiefgarage gelangte er zu einem Fahrradabstellraum, in dem er sich über einen längeren Zeitraum versteckte.

Er verließ diesen erst wieder durch eine Stahltüre, die zu einer Treppe nach außen führte um 20.26 Uhr. Er ging über diese Treppe nach oben und traf hier auf Polizisten, vor deren Augen er sich selbst erschoss. Dieses Geschehen konnte auch von mehreren Anwohnern, die sich auf Balkonen aufhielten beobachtet werden.

Von Polizei geöffneter Rucksack des Amokläufers David S.
Quelle Foto LKA Bayern

Wie die Spurensicherung und die Ermittlungen ergaben, gab David S. insgesamt mindestens 59 Schuss ab, ein Schuss wurde durch eine Polizeiwaffe abgegeben.

“Dem Großeinsatz von Polizei und Rettungskräften sowie dem Engagement von Bürgerinnen und Bürgern, die Verletzten sofort Hilfe leisteten, ist zu verdanken, dass es nicht zu weiteren Todesopfern kam.” so der Abschlussbericht.

Im Stadtgebiet München meldeten sich 32 weitere Personen, die sich in mittelbaren oder unmittelbaren Zusammenhang mit dem Amoklauf so verletzt hatten, dass sie in Münchner Krankenhäusern behandelt worden waren. Durch die Gerüchte im Internet eines Terroranschlages in München an mehreren Anschlagsorten war es zu Panikreaktionen gekommen, wo sich viele dieser Personen verletzt hatten. Auf die Auslöser dieser Gerüchte, wie ungekennzeichete Zivilpolizisten mit Maschinengewehren, geht das LKA im Kurzbericht nicht ein. 

Nach den bisherigen Ermittlungen erwarb der 18-Jährige die Tatwaffe über das Internet (Darknet) zusammen mit Munition von einem anderweitig verfolgten 31-jährigen Deutschen für ca. 4000 Euro. Die Übergabe fand am 20.5.2016 in Marburg statt. Finanzermittlungen ergaben, dass sich David S. das Geld hierfür längere Zeit ersparte.

Mit dieser Waffe führte David S. im Keller seines Wohnhauses an mehreren Tagen Schießübungen durch. Dabei gab er mindestens 107 Schüsse auf Zeitungsstapel ab und filmte sich dabei. Zum Zwecke der Feststellung, ob Anwohner diese Schussabgaben gehört haben könnten, führten Waffengutachter am 22.8.2016 eine sogenannte Schallrekonstruktion durch. Hierbei wurde festgestellt, dass diese Schüsse als solche nicht eindeutig zu identifizieren gewesen wären. Dies wird auch durch die Vernehmungen und Befragungen der Anwohner bestätigt.

Der 18-Jährige kaufte danach am 18.7.2016 erneut für 350 Euro weitere Patronen vom gleichen Händler im Darknet, die Übergabe fand wieder in Marburg statt. Insgesamt wurden an den Tatorten und bei David S. 567 Patronen und Hülsen des Kalibers 9 mm x 19 gefunden und sichergestellt. Die gesamte Munition stammt vom selben Hersteller aus einer Produktion.

Ein besonderes Augenmerk richtete die Sonderkommission auf einen Chatverlauf mit einer Person namens „Bastian“. Hier wurden auf dem PC des David S. Dokumente festgestellt, die auf eine Verbindung zwischen ihm und „Bastian“ schließen ließen, in der die Münchner Tat angekündigt und weitere Orte als mögliche Tatorte genannt waren. Insbesondere durch forensische Gutachten steht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit fest, dass dieser Chat nie stattgefunden hat und „Bastian“ keine existierende Person ist. David S. hat diese Daten offenbar alleine erstellt.

Die Familie des Amokläufers befindet sich in einem Opferschutzprogramm, da ihr gegenüber zahlreiche Drohungen ausgesprochen wurden. Sie leben jetzt unter anderem Namen an einem anderen Ort.

Die Familien der Opfer wurden im Nachgang der Tat durch Beamte des Bayerischen Landeskriminalamtes und Mitglieder von Betreuungsorganisationen betreut. Diese Betreuungen dauern teilweise immer noch an. Die Ermittlungen sind abgeschlossen, die Sonderkommission ist aufgelöst.

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